An den DEUTSCHER KOORDINIERUNGSRAT
der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit
Darmstadt, den 27. Januar 2025
Sehr geehrte Frau Dr. Hackermeier,
sehr geehrter Herr Dr. Nachama,
sehr geehrter Herr Pieper,
zunächst möchten wir uns für Ihren Brief und für den offenen Ton des Briefes bedanken. Endlich mal eine Stellungnahme, die ohne Antisemitismus-Verdacht auskommt, welcher jede Auseinandersetzung und Dialog unmöglich macht, denn mit Antisemiten redet man nicht (was wir grundsätzlich für falsch halten). Insofern nehmen wir gerne diese Möglichkeit des Austausches auf, auch als Beitrag zu einer lebendigen Demokratie.
Wir müssen allerdings feststellen: Auch aus unserer Perspektive besteht Grund zu Fassungslosigkeit. Ihr Urteil, „auf dem Weihnachtsmarkt der Michaelsgemeinde seien Symbole der palästinensischen Terrororganisation Hamas präsentiert“ worden, basiert auf reinem Bildzeitungswissen und der Kolportage desselben. In Variation wird dieses Urteil in ihrem Brief mehrfach wiederholt. Die Staatsanwaltschaft hat einen Anfangsverdacht bejaht und ermittelt. „Das Verfahren ist in der Sache noch nicht entschieden. Was verleitet Sie denn dazu, sozusagen als selbsternannte Richter hier bereits Vorverurteilungen vorzunehmen?“
Eine Kritik an der Gruppe „Darmstadt4Palestine“ üben wir in der Tat in direkter Weise nicht, sondern in diesem Zusammenhang an denen, die zu situationsgerechter Kommunikation unfähig waren. Eine situationsgerechte Problematisierung der Auslagen, also ein Gespräch mit den Verantwortlichen, hätte zur Entfernung der problematischen Auslagen geführt, versichern die Verantwortlichen. Laut Staatsanwaltschaft wird ausdrücklich nicht gegen die gastgebende Gemeinde ermittelt, sondern gegen Unbekannt. Und die verantwortliche Gruppe, „Darmstadt4Palestine“, äußert sich auf Instagram so: „Als Solidaritätsgruppe, die sich entschieden gegen jede Form von Diskriminierung, Menschenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit stellt, kämpfen wir für Frieden und Gerechtigkeit auf der ganzen Welt.“
In diesem Zusammenhang halten wir die mediale und politische Skandalisierung der Auslagen von „Darmstadt4Palestine“ auf dem Weihnachtsmarkt nach wie vor für „völlig überzogen“. Dies bedeutet nicht: völlig abwegig, eine Problematisierung der Präsentationen ist durchaus möglich und angebracht, da sie u.E. überwiegend mehrdeutig sind. Die verantwortliche Gruppe hat Anlass für Irritation und Besorgnis geschaffen. Beides kann auch Anlass sein, die eigenen Positionen zu hinterfragen. Unsere Befürchtung ist jedoch, dass Irritation und Besorgnis hier nicht für Klärungen genutzt werden, sondern zu völlig überzogener medialer Skandalisierung. Durch das Schüren von Angst, am gesellschaftlichen Pranger zu stehen, soll der gesellschaftliche offene Diskurs-Raum für Kritik an Israels politischem Verhalten weiter eingeschränkt werden.
Sie kritisieren, der Name der palästinensischen Terrororganisation Hamas erscheine merkwürdigerweise überhaupt gar nicht in unserem „Offenen Brief“. Warum sollte er? Es geht hier nicht um eine Bewertung verbrecherischer Taten der Hamas, sondern um die Bewertung von Auslagen, die in einem gegebenen Kontext zu bewerten sind. Dazu aus einem Leserbrief an das Darmstädter Echo vom 08.01.25:
„Ich, rein kommerziellen Weihnachtsmärkten überdrüssig, ließ mich vom „alternativen“ Weihnachtsmarkt in der Michaelsgemeinde locken. Und erlebte den Empfang durch einen Kirchenvorsteher, bekleidet mit Kippa und Beduinentuch. Damit ist die gesamte Veranstaltung, wie ich sie erlebte symbolisch erfasst.“
Sie wissen sicher, daß „Parole und Landkarte“ im Kontext Israels von den dortigen Extremisten ebenfalls benutzt werden. Landkarten ohne besetzte Gebiete/Palästina werden auch in israelischen Schulbüchern verwendet. Teilen der israelischen Regierung unterstellen wir eliminatorische Phantasien und Pläne bezüglich der besetzten Gebiete. Soweit es Gaza betrifft, sei auf den Plan des pensionierten Generalmajors Giora Eiland verwiesen, der eine ethnische Säuberung mindestens im nördlichen Teil des Gazastreifens vorsieht und der im Kabinett beraten wurde. In diesem Zusammenhang ist es mehr als verständlich, wenn Palästinenser in ihrem unvorstellbaren Leid die Parole „Never again for everyone“ auch auf sich beziehen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Untaten der Hamas an der israelischen Bevölkerung werden von uns nicht geleugnet oder klein geredet. Dass diese jedoch in den Hintergrund geraten (können), hat durchaus mit der maßlosen Antwort der gegenwärtigen israelischen Regierung zu tun.
Für uns ist, jedenfalls auf Grundlage Ihres Briefes, die uns vorgeworfene Relativierung des Holocaust nicht nachvollziehbar.
Wir teilen Ihr Entsetzen über diesen furchtbaren Krieg. Auch wir treten für die Freilassung der Geiseln ein, auch wir „hoffen inständig, dass dieser Krieg bald überwunden werden kann“. Sie folgern: „Würde Hamas die israelischen Geiseln aus ihrer brutalen Haft entlassen und den Beschuss Israels einstellen, könnte ein Ende der furchtbaren Kampfhandlungen umgehend erfolgen.“
Die Freilassung von Geiseln ist ein erster Schritt, von einer Waffenruhe hin zu einem Waffenstillstand, in der Hoffnung auf weiterführende Verhandlungen zu ihrer Fortsetzung und Vertiefung. Angesichts der politischen Zusammensetzung der aktuellen Regierung in Israel ist dies mit der Freilassung von Geiseln nicht garantiert. Friedensverhandlungen müssten mit allen Betroffenen auf Augenhöhe stattfinden. Eine Voraussetzung hierfür wäre, dass die EU, auch Deutschland, die militärische, diplomatische und politisch-propagandistische Unterstützung der derzeitigen israelischen Politik endlich einstellt.
Wie eine Einstellung aussehen könnte, welche Schritte wie unternommen werden, ist völlig offen. Ein wichtiges Signal auf dem Weg könnte seitens der EU z.B. die Deklaration von „Siedlerwaren“ aus den besetzten Gebieten als solche sein, damit Verbraucher eine Wahl hätten, ganz nach einem Slogan der kath. Friedensbewegung pax christi: Die Früchte der Besatzung sind bitter. Diese Warendeklaration seitens der EU ist bisher von Deutschland immer hintertrieben worden.
In Antwort auf diese Forderung unsererseits folgen jetzt Ihrerseits generelle Ausführungen zum Nahost-Konflikt. Allerdings weichen Sie jetzt in einen allgemeinen Diskurs zu Nahost aus, der uns vom Konflikt um den Darmstädter „Anti-kolonialistischen Friedensweihnachtsmarktes“ weit wegführt (was offenbar notwendig ist).
Ein wichtiger Schritt eines bereitwilligen Betretens des Friedenspfades wäre die (durchaus schrittweise, s. Road Map von 2002) Beendigung der Unterstützung der „Siedler“ (Selbstverständnis der in den besetzten Gebieten illegal siedelnden Israelis) durch die israelische Armee, statt eines Gesetzes, das diese Eindringlinge in ihrer Terrorisierung der dortigen Einwohner straffrei stellt (siehe auch Film „No other land“).
Das wäre aus unserer Sicht nicht, wie Sie meinen, „eine Haltung der bereitwilligen Preisgabe Israels an dessen Feinde, die Israel mit Gewalt überziehen oder solche androhen.“ Sie halten unsere Haltung für zutiefst unverantwortlich angesichts der Tatsache, dass „Israel am 7. Oktober 2023 durch die palästinensische Terrorgruppe Hamas mit einem grausamen Massaker überfallen wurde“. Doch alle Menschen in Israel und Palästina haben ein Recht auf unsere Empathie. Um mit dem UN-Generalsekretär Antonio Gutierrez zu sprechen: Dieses Massaker fand nicht im luftleeren Raum statt.
Der Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet, Ronen Bar, spricht in einem Brief an Benjamin Netanyahu von „jüdischem Terrorismus“, bezogen auf die Straffreiheit, die jüdische Siedler genießen, bezüglich ihrer Übergriffe und existentiellen Bedrohungen der Bevölkerung im besetzten palästinensischen Gebiet. Diese Terrorisierung halten wir für „zutiefst unverantwortlich“ und für einen Weg in weitere Gewalt, diesmal im Westjordanland.
Ganz abgesehen davon, dass alle israelischen Regierungen (Ausnahme Rabin, vermutlich) niemals den Weg zu einer Staatlichkeit der Palästinenser freimachen wollten. Golda Meir kannte nicht mal „Palästinenser“. Moshe Dajan, ehemals Verteidigungsminister Israels, bekannte dagegen, immerhin, dass er in der Situation der Palästinenser vermutlich genauso handeln würde, was aber nicht zu einer Empathie für deren Schicksal führte. Ähnliches ist auch schon bei dem Gründervater Israels, David Ben Gurion, nachzulesen.
Leider schafft der ungelöste Nahost-Konflikt auf beiden Seiten immer neues Terror-Personal. Und israelische Armeeeinheiten wetteifern, wer mehr Palästinenser erledigt hat. Macht korrumpiert und Krieg brutalisiert. „Ja, es ist absolut entsetzlich“, wie Sie schreiben, „wie viele Palästinenserinnen und Palästinenser in Gaza in diesem furchtbaren Krieg ums Leben kommen, darunter offenbar unerträglich viele Kinder“. Es handelt sich u.E. jedoch nicht um einen isolierten Krieg, sondern um die schlimmste Eskalation bis in den Bereich von Kriegsverbrechen in einem über 100 Jahre andauernden Krieg um das gleiche Land, einmal mehr und einmal weniger verheerend.
Der Jerusalemer Rabbiner Jeremy Milgrom, Mitbegründer der „Rabbiner für Menschenrechte“, schrieb kürzlich in der Zeitschrift der kath. Friedensbewegung pax christi, „den Palästinenser:innen sei mit Barmherzigkeit, Sanftmut und Hilfsbereitschaft zu begegnen, Eigenschaften, die für die jüdische Identität wesentlich seien. Die Tilgung dieser Eigenschaften begann nicht als Reaktion auf den Hamas-Angriff vom 7. Oktober; sie ist seit den Anfängen des Zionismus vor 140 Jahren mehr oder weniger präsent und hat nun ein nie dagewesenes Maß an Brutalität erreicht. Die Wiedereinführung von Rache und Völkermord bedeutet, den Prozess der weiteren Erkenntnis und Vervollkommnung auszuhöhlen, der das Beste im Judentum hervorbringt. Diejenigen, die das jüdische Volk respektieren, ihm verbunden sind und es lieben, sollten diesen Rückfall nicht dulden und schon gar nicht gutheißen.“
Dem letzten Absatz ihres Briefes möchten wir uns sehr gerne anschließen. Auch wir „stehen für Dialog und Zusammenarbeit – auch im Nahen Osten. Im Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis muss ein Weg gefunden werden, der das Recht beider zum Leben im Bereich östlich des Mittelmeeres respektiert und der darauf zielt, Hass und Gewalt zu überwinden. Eliminatorische Konzepte führen nicht zu einer friedlichen Koexistenz. Zur Überwindung solcher Konzepte setzen wir uns ein und dafür wollen wir streiten“.
Auch wir hoffen, dass die jetzt eröffneten diplomatischen Schritte als Einstieg in einen Prozess zu einem dauerhaften Frieden genutzt werden können.
Wir sind gerne zu einem direkten Gespräch mit Ihnen und/oder der Darmstädter GCJZ bereit.
In der Hoffnung auf gegenseitige Ambiguitätstoleranz grüßt,
Plenum des Friedensbündnisses Darmstadt
PS.:
Wir erlauben uns, dieses Schreiben auch der Darmstädter GCJZ zur Kenntnis zu geben.
Wir hatten übrigens schon vor der Affaire um die Michaelsgemeinde mit dem renommierten Antisemitismus-Forscher Prof. Wolfgang Benz, eine Veranstaltung am 25. Juni dieses Jahres terminiert. Wir würden uns freuen, auch Sie dazu im Karolinensaal begrüßen zu können.
Wir bitten um Einverständnis, unseren Briefwechsel an einige Interessierte und Betroffene weitergeben zu dürfen (nicht an die Medien).
